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Bruno Hesse
Bruno Hesse hat sich immer wieder Notizen gemacht, so auch zu Gesprächen mit seinem Vater, Hermann Hesse:
Aus: "Vater im Gespräch"
(Bruno Hesse über Hermann Hesse)
Oktober 1952 : Eines Abends, nach einer Radio-Sendung, sprach Vater mit mir über Robert Walser. "Der hat Recht gehabt, sich um die Welt keinen Pfifferling mehr zu kümmern, und sich in die Heilanstalt zurückzuziehen. Die Schweiz, mit all ihren Professoren und Radio-Direktoren mit ihren gutbezahlten Posten, von denen keiner auch nur einen Satz so gutes Deutsch wie Walser schreiben kann, hätte ihn ruhig verhungern lassen, wenn er sich nicht in die Irrenanstalt gerettet hätte.
In einem Gespräch mit Vater über das Glasperlenspiel kamen wir auf die Frage, was im Glasperlenspiel das Wichtigste sei : Kastalien mit dem Orden, das Glasperlenspiel, oder die Persönlichkeit Josef Knechts. Vater erklärte mir : Josef Knecht kam als Knabe nach Kastalien, was er geworden ist, hat er Kastalien zu verdanken. Wenn er zuletzt über Kastalien hinauswächst, so bleibt Kastalien deswegen gleichwohl bestehen und behält seinen Wert. So wenn einer z.B. in der katholischen Kirche aufwächst, später einsieht, dass das noch nicht das Göttliche selbst ist, sondern nur eine seiner Erscheinungsformen, und er daher weiter und über die katholische Kirche hinausgeht, oder hinauswächst, so bleibt dabei der Wert der kath. Kirche, das Schöne und Grosse, das sie hat, die Sakramente u.s.w., weiter bestehen. Das Höchste ist nicht die Persönlichkeit, über ihr steht das Ueberpersönliche. Aber die höchste Gemeinschaft, Orden, Kastalien, ist auch nichts ohne bedeutende Persönlichkeiten. Beides zusammen erst gibt ein Ganzes.
Jan. - Febr. 1953 : Herr Dr. Beck aus Buenos Aires war zum Tee da, es wurde über deutsche Literatur und Philosophie gesprochen, auch über das schreckliche Deutsch der neueren deutschen Philosophen. Vater sagte : "früher war das doch besser, als die Gelehrten ihre Schriften lateinisch schreiben mussten."
April - Mai 1954 : Wir sprachen von Olten und von Vaters Vorlesung in Aarburg in den 20er-Jahren. Ich fragte ihn, ob die von ihm in "Notizblatt von einer Reise" beschriebene Beerdigung eines Landstreichers in einem Städtchen am Fuss des Jura wohl dort gewesen sei ? Vater erzählte : "Nein, das war in Grenchen. Dort logierte ich bei Pfarrer Hubacher, dem Bruder des Bildhauers, der hatte das Begräbnis eines unbekannten Landstreichers besorgen müssen. Die Sache hat dann noch ein Nachspiel gehabt : ein Jahr oder mehr später hat sich herausgestellt, dass es kein Selbstmord war. Der Landstreicher hatte eine kleine Erbschaft gemacht. Sein Kamerad, der mit ihm aus dem Ausland zurückgekommen war, hatte wohl von dieser Erbschaft gewusst, und hatte ihn erschossen. Später ist der ermordete Landstreicher von Verwandten gesucht worden. Aus einem andern Gespräch mit Besuchern "Wenn man mit Verrückten zu tun hat, ist die beste Massnahme : man stelle sich vernünftig."
Frühling 1955 : Mit Vater bei Seminardirektor Frei und Dr. Kappeler beim Tee in Ponte Tresa. Vater wurde gefragt, ob er Simon Gfeller gekannt habe. Vater sagte, nur einmal sei er mit Gfeller zusammengekommen, an einem Vorlesungs-Abend der Freistudenten in Bern, und erzählte dann: sehr lebhaft, die Komik der Situation hervorhebend "Zu einem Wohltätigkeits-Abend hatten die Freistudenten vier Schriftsteller eingeladen. Zuerst kam ich an die Reihe, ich las ein Stück aus dem Siddhartha, der damals erst im Manuskript da war, vor. Dann las Robert de Traz, in äusserst hochgezüchtetem Stil "â quattre épingles", in messerscharf geschliffenem, vollendetem Französisch aus seinen Schriften vor. Nach ihm kam Simon Gfeller, der erzählte frei, ohne in sein Manuskript zu sehen, eine Geschichte aus seiner Kindheit : zum erstenmal nahm sein Vater ihn zum Markt nach Burgdorf mit, und schliesslich, als sie abends wieder heimkamen, hatte der Kleine - die Hosen voll. Zuletzt Maria Waser, auch sie erzählte frei, berndeutsch. Die erste Zuhörerreihe war ganz nah vor den Vortragenden, so dass man den Leuten direkt ins Gesicht sah. Da sassen, auf Ehrenplätzen, Bundesrat Schulthess und seine Frau, beide schliefen mit offenem Mund und geschlossenen Augen."
Vaters ausserordentliches musikalisches Gedächtnis bewunderte ich oft, wenn wir abends am Radio Musik hörten. Beim Konzert für 2 Violinen von Bach sagte er : "Das ist Musik wie aus dem Himmel." Zu Mozart sagte er : "Mozart war äusserlich kein Neuerer, er hatte nicht den Ehrgeiz, neue Formen zu schaffen. Er übernahm die überlieferten Formen von Konzert, Divertimento u.s.w., füllte sie aber mit ganz neuen Inhalten. ... Die heutigen durchschnittlichen Orchester-Musiker sind doppelt so virtuos und technisch geschult als damals, dagegen waren die früheren dreimal so musikalisch.
April 1956 : Martin war da. Er fragte Vater, wieweit wohl der von Ludwig Finckh zusammengestellte Hesse-Stammbaum stimme ? Vater sagte "Allem traue ich nicht. Aber das mit der weitläufigen Verwandtschaft mit Finckh - wenn man das überhaupt noch Verwandtschaft nennen will..-, ist wohl schon richtig. Es gab da in Schwaben eine Frau (Christiane Ensslin?), die durch ihre Nachkommen mit etwa 75% aller bedeutenden, überdurchschnittlichen Männer Schwabens verwandt war. Durch diese ferne Vorfahrin sei er also nicht nur mit Finckh verwandt, sondern mit fast allen bedeutenden Schwaben, wie Mörike, Schwab, Schiller u.s.w. Dadurch kam Vater auf die Erbmasse und deren Bedeutung zu sprechen, auch auf Familien-Tradition u.s.w. Was es z.B. ausmache, ob ein musikalisch begabtes Kind in einer entsprechenden Umgebung aufwachse wenn ein Klavier da ist, wenn im Hause musiziert oder gesungen wird, so wird dieses Kind sich anders entwickeln können, als ein anderes, von Natur ebenso musikalisch begabtes Kind, das aber in einem nüchternen Milieu aufwächst, wo zur Musik überhaupt keine Beziehung besteht. Das wird nur eine unbestimmte Sehnsucht in sich spüren, ohne aber recht zu wissen, was es eigentlich möchte. Vater sprach dann, als Beispiel, von der Gundert-Familie : "Die habe ich ja weit besser gekannt als die Hesse-Familie. Da hat sich eine Vererbung von überdurchschnittlicher, künstlerischer Begabung immer wieder da und dort gezeigt. Da braucht es dann für Einen nur noch einen kleinen Zuschuss von anderer Seite, dass er sein Leben phantasievoller gestalten kann als die Mehrzahl der Menschen."
Januar 1957 : Wir lasen "Der 6. Gesang" von E. Schnabel. Nachdem wir es fertig gelesen und noch darüber gesprochen hatten, rezitierte mir Vater auf Griechisch den Anfang der Odyssee. Dann kamen wir auch auf Dante zu sprechen. Vater sagte : "Die Divina Commedia ist wunderbar und sehr verehrungswürdig. Aber das ganze grossartige Gebäude der katholischen Kirche ist uns doch recht fremd, wir können da nicht ganz mitgehen. Aber die Odyssee, da können wir ganz mit, die ist herrlich."
October 1959 : Wilhelm und Helene Gundert waren zum Mittagessen da. Es wurde von Japan und von "Zen" gesprochen. Das Gespräch kam auch auf Mörike. Vater sagte : "Mörike ist der Dichter, den ich von allen am besten verstehen kann. Nicht nur als Dichter, sondern überhaupt in allem wirklich ganz verstehen, auch im etwas Verschrobenen und Verrückten." Dann : Mörike war einer der Frühvollendeten, die zu spät gestorben sind. Alle seine besten Sachen hat er als jung geschrieben."
Als ich Vater im Garten beim Jäten (Unkraut ausziehen) half, sagte er zu mir : "Schau, das Jäten sehen alle Leute als eine äusserst langweilige Arbeit an. Mir erscheint sie gar nicht langweilig, sie ist dem Meditieren sehr förderlich, grad weil sie keine besondere Aufmerksamkeit erfordert. Ein grosser Teil des Glasperlenspiels ist so beim Jäten im Garten entstanden."
April 1961 : Nach einem Gespräch über die Endlosigkeit historischer Studien erzählte Vater : "Im Glasperlenspiel hätte ich auch die europäische Kultur angemessen darstellen wollen, in einem Lebenslauf aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der hätte in Süddeutschland gespielt, die Person wäre ein Theologe gewesen, der aber später zur Musik hinüber wechselte. Ich habe 3/4 Jahre lang dafür Studien gemacht, die Geschichte der Herrnhuter durchgenommen, um dem Einfluss des norddeutschen auf den süddeutschen Pietismus nachzuspüren. Dann wie war die Musik gegen 1750, was wurden für Kirchenlieder gesungen. Z.B. hat ein damaliger Musiker keine Ahnung haben können von Bach, höchstens etwa dessen Namen, als Orgel-Spezialist, gehört haben. So war kein Ende abzusehen, und schliesslich habe ich diesen Lebenslauf aufgeben müssen. So steht in dem Buch nun eigentlich recht wenig von der europäischen Kultur."
Letztes Wiedersehen mit Vater. Mitte Juli 1962 besuchte ich Vater. Er sah besser aus als am Geburtstagsfest in Faido, frischer, kräftiger. Ich schlug ihm eine Autofahrt nach Lanzo d'Intelvi vor, es war ihm recht. Am nächsten Vormittag fuhren wir, auch Ninon kam mit, über Arogno die kleine steile Strasse nach Lanzo hinauf, assen in einem kleinen Restaurant (im hellblauen Jugendstil-Speisesaal) zu Mittag. Am Nachmittag machten wir einen kleinen Spaziergang im Dorf, dann fuhren wir auf den Monte La Sighignola. Vater war bei bester Laune, er genoss die Fahrt, und ganz besonders die grossartige Aussicht oben auf dem Gipfel. Ueber Osteno - Porlezza dann wieder zurück nach Montagnola.
Bruno Hesse
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